Zeugen der Zeit im Leistungskurs Geschichte 12

Europa, Gesellschaftswissenschaften

Zugegeben! Ganz so einfach war es dann doch nicht, die Zeugen zur Aussage zu bringen. Dabei wäre es doch so wichtig. Immer wieder riet ich ihnen vorbeizukommen, um zu zeugen von den Zeugnissen ihrer Zeit. Erst nach einigem Zeugen meinerseits, gelang mir schließlich die Überzeugung und der graue Audi rollte samt Tante Christel und Onkel Reinhold in die rostbraune Garage, ganze 636 Kilometer von seinem eigentlichen Zuhause im Dresdner Stadtteil Blasewitz entfernt. Zusammen mit zwei Taschen, vollgepackt mit Beweisen und Erinnerungen, stiegen die beiden mehr oder minder müde aus. Immerhin sollte es gleich am nächsten Tag losgehen mit der Erzählung, mit dem Bericht einer Geschichte, die schon vor 79 Jahren ihren Anfang fand und seitdem von zahlreichen gedanklichen Rekonstruktionen, befeuert durch ständiges Erinnern, am Leben gehalten wird.

7:30 Uhr, Frühstück im Hotel. 8:30 Uhr, vereinbarter Zeitpunkt. Um 8:25 Uhr stehen beide, empfangen von Frau Dr. Benner, im Eingangsbereich des Robert-Schuman-Gebäudes und betreten, auch unter meiner Begleitung und den sich ein Bild machenden Schülern, den Raum der Klasse. Geleitet durch den Anblick eines weiter hinten im Raum stehenden Tisches, geschmückt mit zwei Flaschen Wasser, um den späteren Rede- und Gedankenfluss zu fördern, treten die Überzeugten vorbei an Schulbänken in Richtung Redepult. Taschen werden abgestellt, fallen vom Stuhl und erneut angelehnt, Karteikarten auf dem Tisch ausgebreitet. Ihr Blick richtet sich auf, mit ihm, eine Konstruktion unvorstellbarer Komplexität, zusammengesetzt aus Erlebnissen und Entdeckungen, Emotionen und Erfahrungen, gestützt durch den Realitätsglauben an selbst erlebte Geschehnisse.

Teil dieser Gedankenkonstruktion ist die Erinnerung an Frau Christel Mock, wie sie vor rund 55 Jahren, selbstbewusst vor ihrer Dresdner Grundschulklasse steht, deren Bereitschaft prüfend. „Immer bereit!“ hallt es im Chor der jungen Schülerstimmen durch die Gänge des Schulgebäudes. Vielleicht war es damals ja gar nicht so schlecht? Die Gemeinschaft in der gängigen Ganztagsbetreuung sowie die kostenlosen Ferienausflüge waren für die Eltern der Schüler mit Sicherheit eine große Entlastung. Nur wenn die Männer vom Staat den Klassen und insbesondere deren Lehrern einen Besuch abstatten, um zu überprüfen, ob die jungen Pioniere aus der Mathebuchaufgabe auch wirklich 1 kg Müll anstelle von 500 g aufsammeln, war die Stimmung nicht mehr ganz so locker.

Reinhold Mock war kein Lehrer, sondern Handelsvertreter des in der DDR führenden Computerherstellers Robotron. So gerne hätte er die Möglichkeit zu reisen, ein Ziel, das sich jedoch in einer Zeit, in der ein Treffpunkt in einem der Oststaaten die einzige Option ist, den westlichen Teil der Familie zu sehen, als schwer zu erreichen herausstellt. Nichtsdestotrotz gelingt es ihm schließlich einen Reisepass zu erhalten, der laut Aufschrift „gültig für alle Staaten“ ist. Ein Dokument der scheinbaren Freiheit, gefangen in den Zwängen des „befreundeten Auslands“. Zu diesem sogenannten „befreundeten Ausland“ zählte beispielsweise die Handelsfreundschaft mit dem Irak, ein exotischer Trostpreis, der zur zeitweisen Stillung des Freiheitsgedankens diente. Doch wehe dem, der abhängig wird von der Freiheitsdroge und der denjenigen Nachbarn, Freund oder Sohn in Gefahr bringt, der als Pfand, verschlossen in der DDR, auf das Vertrauen der Menschheit hofft.

Und mit jedem Gedankengang, jeder weiteren Frage, erweitert sich das Netz aus unzähligen, vereinten Strängen, gewebt in einer Zeit der Uneinigkeit. Nur die oberflächlichsten dieser Erzählstränge lassen sich für Außenstehende in ihren Ansätzen verstehen. Sie sind die Zeugen einer vergangenen Zeit – einer Zeit, die auch uns nun zu Teilen in Erinnerung bleibt.

Text: Ian Judith, MSS 12

Fotos: S. Benner

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