Sozialkunde/ Deutsch

Von der Suche nach Themen, die die Leser aufrütteln

Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer berichtet vor 80 HGT-Schülern aus der Welt der Medien - Hetze gegen Journalisten nimmt zu

 
Er versteht es zu provozieren: Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer besuchte am Donnerstag, 5. November 2015, das HGT. Unter dem Titel „Medien, Macht und Meinungsmache“ sprach er mit Schülern aus Sozialkunde- und Deutschkursen von der 11. bis 13. Jahrgangsstufe, woraus eine engagierte Diskussion wuchs. Initiiert wurde das Gespräch von der Friedrich Naumann-Stiftung.
 
 
 
Was hat sich im Journalismus geändert?: Mit dieser Frage stieg Jan Fleischhauer, Berliner Journalist und Spiegel-Kolumnist, in seinen Vortrag zum Thema „Medien, Macht und Meinungsmache“ ein. Aus seiner Sicht habe sich die Distanz zwischen Presse und Politik geändert, und zwar zum Besseren: „Vor etwas mehr als zehn Jahren wurde einer meiner Kollegen nach 30-jähriger Tätigkeit beim Spiegel verabschiedet. Auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder kam zu diesem Anlass vorbei. Später fragte mich eine Frau, ob es normal sei, dass sich alle untereinander duzen, da der Gerhard dem Stefan alles Gute wünschte“, erzählte Fleischhauer. Heute herrsche in diesem Verhältnis eine größere Distanz - es werde gesiezt. Gleichzeitig gab es auch früher Verachtung zwischen der Presse und den Politikern, was Fleischhauer beispielsweise am Verhältnis des Spiegels mit Altkanzler Helmut Kohl verdeutlichte: „Kohl hat nie mit dem Spiegel gesprochen - er hat ihn verachtet, da er im Spiegel kritisiert wurde. So kam es sogar, dass Kohl Spiegelmitarbeiter aus Presselisten bei Staatsreisen strich, sodass unsere Leute extra nachfliegen mussten.“
 
Dickes Fell
Fleischhauer stellte klar, dass er schwerpunktmäßig über eine bestimmte Form des Journalismus sprach: die Kolumne - einer Stellungnahme zu Themen, die die Leser bewegen, die sie unterhalten und provozieren. „Ich habe eine große Freiheit in meinem Job. Meine Arbeit besteht darin, Themen zuzuspitzen und Dinge zu unterstellen. Das klingt hart, aber ich bin im Erregungsgeschäft - ich möchte einen Punkt in der Gesellschaft finden, der die Gemüter aufrüttelt“, erläutert Fleischhauer. Dabei müsse er selbst ein dickes Fell haben, da er viele beleidigende Reaktionen erhalte: „Auf Twitter schreiben Leute, dass ihr neuestes Lieblingsschimpfwort „Fleischhauer“ sei oder dass ich einmal eine Therapie in Erwägung ziehen sollte. Ich schaue mir die Kommentare an, denn je zahlreicher die Kommentare sind, desto erfolgreicher habe ich meine Arbeit getan.“ Dennoch müsse auch er für seine Unterstellungen Quellen liefern, die genauestens von unabhängigen Mitarbeitern vor der Veröffentlichung geprüft werden. Unter den sieben Spiegel-Kolumnisten sei er der einzige mit konservativer Einstellung. Diese Verteilung repräsentiere den Großteil des Journalismus, da die Mehrheit der Journalisten links eingestellt seien, so Fleischhauer.
Bei der Themenfindung tendiert der Berliner Journalist weniger zu Parteien, als vielmehr zu Trends. Spannend findet er beispielsweise die Politisierung des Essens. So habe ihm seine Frau ein Foto aus einem Münchener Café geschickt, in dem eine Liste mit zehn Dingen hing, die nicht im Kaffee enthalten sind. „Das schönste war noch die unterste Zeile der Liste: …aber lecker!“, ergänzt Fleischhauer amüsiert.
 
Info-Fütterung als Gefahr
Mit Sorge blickt Fleischhauer jedoch auf die derzeitige Ablehnung der Presse, der Diffamierung als „Lügenpresse“ durch Pegida-Anhänger. Demonstrationen gegen Journalisten habe es früher nicht gegeben, dies sei ein neues Phänomen, welches unter der allgemeinen Einstellung stehe: „Die dort oben lügen doch alle!“ Vor allem die Informationsfütterung in den sozialen Netzwerken kritisiert Fleischhauer: „Wenn ich mich in den sozialen Netzwerken mit dem Thema Islam auseinandersetze, also viele Seiten darüber besuche, erscheinen später automatisch Meldungen, die den Islam betreffen, auf meinem Account. Die Reaktion der Menschen ist folglich die, dass sie glauben, der Islam sei eine Bedrohung und die Kriminalität nehme zu, was jedoch statistisch nicht der Realität entspricht. Wenn sie dann in die seriösen Zeitungen schauen, merken sie, dass dort diese Fülle an Fällen nicht auftaucht. Folglich bezichtigen sie die Journalisten als Vertuscher.“
 
Fleischhauer ermutigt die rund 80 HGT-Schüler in der Aula sich im Journalismus zu versuchen: „Man sollte für jedes Thema brennen und Lust darauf haben, es kreativ umzusetzen. Besonders wichtig sind ein guter Umgang mit Sprache und Durchhaltevermögen.“
 
 
 
von Manuel Beh, MSS13