Franz-Bac: Drittortbegegnung 2015

Zum Gedenken an die Zukunft…

Drittortbegegnung des Franz-Bac-Kurses in Scy-Chazelles

 
Wir als 17- bis 18-Jährige sind in der Europäischen Union friedlich aufgewachsen. Noch vor 100 Jahren war eine solche Gemeinschaft undenkbar – zahlreiche Kriege schürten den Hass zwischen den Nationen und hinterließen Zerstörung und Leid. Was hat sich seitdem geändert? – Der Franz-Bac-Kurs der Jahrgangsstufe 12 begab sich wie jedes Jahr zusammen mit Schülern aus Dijon auf Drittortbegegnung. 2015, um die Antwort auf diese Frage zu konkretisieren.
 
Montag, 12:30 Uhr: Die Sonne scheint auf Trier und wir HGTler stiegen mit den Gedanken an unsere Mitschüler, die die Woche in der Schule verbringen werden, in den Zug gen Frankreich. Angekommen in Metz, ging es zusammen mit den französischen Schülern nach Scy-Chazelles in ein Kloster – unserer Herberge für die folgenden Tage.
Bei verschiedenen – bereits aus Kindertagen bekannten – „Kennenlernspielen“ schlossen wir erste Kontakte. Um abends den Tag gemütlich ausklingen zu lassen, stiegen wir in die Thematik „Europa“ mit dem Film „Joyeux Noël“ ein, indem erbitterte Kriegsfeinde während des Ersten Weltkrieges zusammen friedlich Weihnachten feiern.
 
 

Stellungskrieg: Während des Ersten Weltkrieges schützten sich die Soldaten in solchen Gräben vor Explosionen und Kugeln.

Wie sieht das Europa unserer Kinder aus?: Diese Frage wurde in Arbeitsgruppen bearbeitet. 
 
In memoriam…
„Oben am Denkmal von Douaumont / liegen zwölftausend Tote im Berge. / Und in den Kisten warten achttausend Männer / vergeblich auf passende Särge.“(Erich Kästner): Im Ossuaire (Gebeinhaus) von Verdun begann unsere Führung, bei der uns die Grausamkeit des Krieges in aller Deutlichkeit vor Augen geführt wurde. Vor uns offenbarte sich ein Meer aus 16.142 Gräbern mit dem Wissen, dass unter unseren Füßen noch die Gebeine von rund 130.000 unidentifizierten Soldaten liegen. Ergreifend wurde die Führung, als an diesem Ort sowohl ein französischer als auch ein deutscher Schüler gemeinsam Erich Kästners Gedicht „Auf den Schlachtfeldern von Verdun“ vortrugen, jeweils in der eigenen Sprache.
„Diese Gegend ist kein Garten, / und erst recht kein Garten Eden.“
Bei der von uns als idyllische, naturgeformte Landschaft wahrgenommenen Gegend handelte es sich tatsächlich um ein ehemaliges Schlachtfeld, dessen Aussehen von Bomben und Granaten geschaffen wurde. Während dieser Kämpfe hausten die deutschen Soldaten in unterirdischen Stollen, die sie bis zu 75 Meter tief in den Berg gegraben hatten.
Wir, nun im Gegensatz zu den Soldaten mit Sicherheitshelmen und Taschenlampen ausgestattet, begaben uns unter die Erde. Durch dunkle, dreckige und feuchtkalte Gänge mussten wir uns durchzwängen, um den Alltag der Soldaten ansatzweise nachvollziehen zu können. Trotz der beeindruckenden Führung war es für uns ein befreiendes Gefühl, das Stollensystem zu verlassen und die Sonne wieder zu sehen. Anders als im Krieg vor 100 Jahren konnten wir erleichtert sein und mussten nicht befürchten, im nächsten Moment zu sterben.
Im Fort von Douaumont, einer ehemals stark umkämpften Festung, fanden wir uns schließlich vor einer Wand, von der wir dachten, dass sie lediglich das Ende eines Ganges darstellt, wieder, um dann aber zu erfahren, dass sie errichtet wurde, um die letzte Ruhestätte von 697 Toten abzuschließen. Im Gedenken an alle Opfer des Krieges hielten wir vor diesem Friedhof eine Schweigeminute ab: „Auf den Schlachtfeldern von Verdun / wachsen Leichen als Vermächtnis. / Täglich sagt der Chor der Toten: / ’Habt ein besseres Gedächtnis!’ “
 
Am nächsten Tag wandten wir uns nach diesen historisch-emotional geprägten Erlebnissen dem heutigen Europa und seinen Ursprüngen zu. Mit einem internen Fotowettbewerb und in Arbeitsgruppen machten wir uns Gedanken über die deutsch-französische Freundschaft und das zukünftige Europa, in dem unsere Kinder einmal aufwachsen werden.
Schließlich besichtigten wir das Robert-Schuman-Haus, in dem der frühere französische Außenminister den Grundstein für die Europäische Union legte.
 
 

An diesem Schreibtisch legte Robert Schuman den Grundstein für die heutige Europäische Union / Robert Schuman-Büste

Von Gemeinschaft zu Freundschaft
Donnerstags fuhren wir zum Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Luxemburg nach Schengen. Dass das Passieren dieser Grenzen heute so unproblematisch und ohne Kontrollen der Pässe möglich ist, verdanken wir dem Schengener Abkommen von 1985, dem damals jedoch wenig Aufmerksamkeit beigemessen wurde.
Nach der Besichtigung des Museums ging es ganz in die Nähe unserer Heimat – nach Luxemburg-Stadt. Auf dem Kirchberg fuhren wir mit einer Stadtführerin im Bus am Europäischen Gerichtshof, dem Europäischen Rechnungshof und der Europäischen Investitionsbank vorbei. Die Altstadt mit Kathedrale und Großherzoglichem Palast schauten wir uns zu Fuß in einer knappen, die interessantesten Informationen aber dennoch enthaltenden Führung an.
Geplant war als Abschluss ein deutsch-französischer Abend, den wir mit eigenem, spontanem Programm für mehrere Stunden unterhaltsam füllten. Ein solch ungezwungener Abend bietet immer noch die beste Möglichkeit, um Freundschaften zu schließen. Der Abschied am nächsten Tag fiel dementsprechend herzlich aus und erfüllt von den Eindrücken der letzten Tage ging es wieder nach Hause.
 
 
                                                                                     16.142 Kreuze: Der französische Friedhof neben dem Ossuaire in Verdun.

von Carolina Schmitt und Manuel Beh, MSS12