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Der Kampf gegen soziale Zombies und digitale Demenz

Schüler des HGT besuchen Vortrag von Gehirnforscher Manfred Spitzer

 

Zwei Deutschkurse und einige interessierte Biologie-Schüler der 12. Jahrgangsstufe besuchten am Donnerstag, 05. März 2015 den Vortrag von Gehirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer. Im Trifolion Echternach präsentierte er seine Thesen zum Thema „Gehirn und Kultur“. Flächendeckendes Fazit: Eine beeindruckende Argumentation inklusive fundierter Belege und eine fesselnde Rhetorik zogen jeden in den Bann.

 

Prof. Manfred Spitzer versteht es wie kein anderer, komplexe, wissenschaftliche Thesen und Forschungsergebnisse einem breiten Publikum verständlich zu vermitteln. Besonders eindrucksvoll für unsere digitalisierte Generation waren seine Ausführungen zum Thema „Medienkompetenz“. Anhand zahlreicher Studien kam er zu dem Schluss, dass Computer dem Gehirn zwar Arbeit abnehmen und somit das Leben erleichtern, jedoch auch das eigenständige Denken verhindern und den Abbau von Speicherplatz bewirken – genannt Demenz. Um jedoch leistungsfähig zu bleiben, solle die Schule nicht in ihren Anforderungen nachlassen, denn nur Herausforderungen würden dazu führen, dass neue Nervenverbindungen, Synapsen genannt, im Gehirn gebildet werden. So fördere das Spielen in der Natur während der Kindheit die Kreativität, aber auch das Sozialverhalten. Dieses lasse in den heranwachsenden Generationen deutlich nach, da das stundenlange Surfen und Chatten im Netz den alltäglichen, direkten Umgang mit anderen Menschen verhindert. So schildert Spitzer, dass bei einem schweren Autobahnunfall in Deutschland die Empathie der Passanten völlig versagte. Anstatt den teils schwer verletzten Personen zu helfen, fuhren sie im Slalom um die Fahrzeuge herum und schossen Fotos. „Diese Situation zeigt die negative Entwicklung unseres Sozialverhaltens – das ist für mich schwer zu ertragen“, sagt Spitzer und fügt hinzu: „Wir brauchen keine sozialen Zombies. Wir sollten uns langsam überlegen, wie wir dem entgegenwirken.“

 
 
Mit digitalen Spielen spielerisch zu Problemen
Um der fortlaufenden Entwicklung von medialer Präsenz Paroli zu bieten, müsse man bei der Erziehung der Kleinsten anfangen. Da das Gehirn in den ersten Jahren der menschlichen Entwicklung rund 100 Synapsen pro Sekunde bildet, müssen grundlegende Fertigkeiten rechtzeitig erlernt werden. Dies verhindere jede Form digitaler Medien. Kinder, die mithilfe des iPods malen, werden die Motorik nie richtig erlernen, einen Stift zu halten – Kinder, die stundenlang vor der Spielekonsole sitzen, werden mit Schreib- und Leseschwächen zu Kämpfen haben – kurz gesagt: „Kinder verdummen mit iPods“, meint Spitzer und ergänzt: „Wenn sie einem Kind eine Spielkonsole schenken, verschenken sie gleichzeitig schlechte Noten und Probleme in der Schule.“
 
Von Stress und Multitasking
Demenz beschleunige sich, laut Spitzer, enorm durch Stress. Chronischer Stress, erzeugt durch ein Gefühl der Ohnmacht, führe zu Verdauungsbeschwerden, Herzrasen und durch das heruntergefahrene Immunsystem zu Krankheiten bis hin zu Krebs. Ursache für Dauerstress seien Smartphones, die bewirken, dass man ständig online und dadurch abgelenkt  ist, Angst hat, etwas Wichtiges in den sozialen Netzwerken zu verpassen, und Lernerfolge durch die Massen an verwendeter Zeit ausbleiben. Kurz gesagt: Man ist unzufrieden und wird depressiv: „Die Nutzer haben das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Dauerstress tötet sie“, betont Spitzer ganz deutlich. Ein in unserer rasanten Zeit weitverbreiteter Faktor für Stress und Ablenkung sei Multitasking, dass in der Realität nicht funktioniere: „Haben sie schon einmal jemanden gesehen, der zwei Bücher gleichzeitig liest? Nein, und warum nicht? Weil es keiner kann.“ Bewiesen ist, dass s.g. Multitasking zu Aufmerksamkeitsstörungen und fehlender Konzentrationsfähigkeit führt: „Das ist wie bei einem Marathon, bei dem es um dein Leben geht. Kurz nach dem Start schießt du dir ins Bein“, bemerkt Spitzer scharf.
 
So wie diese Pointe referiert der umstrittene Gehirnforscher völlig frei und stellt einen Bogen vom Anfang bis zum Ende des eineinhalb stündigen Vortrags her. Auch auf Nachfragen in der anschließenden Diskussionsrunde antwortet er mit einer Leidenschaft, die seinesgleichen sucht. So erklärt er den gut 600 Zuhörern, dass die Einstellung „Ich muss nichts wissen – ich kann ja googlen“ falsch ist. Ohne Vorwissen, so Spitzer, kann einem jeder etwas vom Pferd erzählen und man glaubt es auch noch. Mit Vorwissen ist eine Filterung von logischen und richtigen Informationen möglich, die man von Halbwahrheiten trennen können sollte. Klar ist nach Spitzers Vortrag, dass unsere mediale Welt die Leistungsfunktion unseres Gehirns beeinträchtigt – eine These, die schmerzen könnte, doch bisher nicht durch wissenschaftlich unabhängige Studien widerlegt werden konnte. Der Gehirnforscher rät, auf die Dosierung zu achten, die bekanntlich das Gift mache. Als seine Aufgabe sieht es Spitzer, Aufklärung über „digitale Demenz“ zu betreiben, auch wenn es persönliche Diffamierungen und Hindernisse gibt: „Ich bin hier, damit sich etwas ändert!“, beendet Spitzer seine Präsentation unter minutenlangem Applaus.
 
von Manuel Beh, MSS12
 
Bild 1: ©privat 
Bild 2,3: M. Beh