Austausch La Réunion 2014

Mi aim la Réunion! - Ich liebe die Reunion!

HGT-Schüler beim Austausch im Indischen Ozean

 
Die Tage werden kürzer, die Blätter bunt und das Sonnenlicht immer schwächer und seltener: Der Herbst klopfte auch Mitte Oktober 2014 an unsere Haustüren, nachdem er uns noch ein paar warme und trockene Tage beschert hatte. Ende Oktober jedoch prophezeiten die Meteorologen, dass dies nicht so bleiben sollte. Ein guter Grund für uns Schüler aus der 11. und 12. Jahrgangsstufe, für zwei Wochen auf die Reunion im Indischen Ozean zum Schüleraustausch zu flüchten. 30°C und Sonnenschein kombiniert mit Meer und Tropen sind einfach verlockend!
 
 
Oté paradis - salut paradis
Der Flieger, in dem wir nun schon seit 11 Stunden saßen, befand sich im Landeanflug. Langsam passierten wir eine Wolkenschicht nach der anderen… und auf einmal taten sie sich auf: Wie ein riesiger Teppich legte sich der Indische Ozean unter unsere Füße - soweit das Auge reichte azurblaues Wasser. Während der Fahrt zu unseren Austauschschülern bestaunten wir die schwarzen Felsen, an denen die Gischt des Meeres aufspritzte und sich wie ein Samttuch auf ihnen ablegte. Müde wie wir waren, konnten wir die Ankunft in Le Tampon im Süden der Insel trotz der beeindruckend malerischen Landschaft kaum erwarten. Die warme und sehr feuchte Luft erschlug uns bereits am Airport, sodass wir alle hofften, bald zu duschen und ein paar Stunden zu schlafen. Doch zuerst trafen wir auf unsere Corres. In einem kleinen Park hatten die Familien ein kleines Picknick mit kreolischen Spezialitäten vorbereitet und empfingen uns sehr herzlich und offen. Das Wochenende, welches sich anschloss, verbrachten wir alle in unseren Gastfamilien - eine gute Zeit, um sich kennenzulernen.
 
Zwei Wochen ohne Hunger
Highlights einer jeden Reunionfahrt seien die Wanderungen, meint Frau Warner, die den Austausch seit dem Jahr 2005 organisiert. Dieser Trend bestätigte sich erneut. Am Montag stand eine Wanderung im Cirque de Cilaos an, die wir zusammen mit den Franzosen angingen. Bevor wir starten konnten, fuhren uns zwei kleine Busse von Le Tampon in den Talkessel zur Stadt Cilaos. Keinem der Schüler wurde schlecht, obwohl es lange Zeit Serpentinen mit insgesamt 400 Kurven hinauf- und hinabging. Ein Abenteuer waren ebenso die Fahrten durch zwei kleine Tunnel, in denen es schon an ein Wunder grenzte, dass die Fahrzeuge nicht die Wände berührten oder stecken blieben. Angekommen in Cilaos begann unsere erste Tour in die Natur des französischen Überseedepartements. Auf einem kleinen, unbefestigten Pfad ging es viele Treppenstufen hinab bis zu einem Flusslauf, der zurzeit wenig Wasser führte. Dort picknickten wir und genossen die warmen Temperaturen und die beeindruckende Landschaft des Cirque. Die Vegetation und die vom Vulkanismus geprägte Landschaft faszinierten uns – der Wechsel  von saftig grünen Pflanzen und schroffen Felswänden. Erst beim Rückweg wurde uns bewusst, wie viele Höhenmeter wir beim Hinweg abgestiegen waren. Wir freuten uns über jedes noch so kleine Lüftchen, das unsere verschwitzte Haut berührte. Später zeigte sich jedoch, dass diese Tour nur eine gute Übung für das eigentliche Highlight des Austauschprogrammes war.
Um für etwas Erholung zu sorgen, besuchten wir in den nächsten Tagen den Osten und den Westen der Insel. Themen der Ausflüge waren die Sklaverei auf der Reunion im Musée de Villèle, die Unterwasserwelt im Aquarium von St. Gilles und die Besichtigung der Salzgewinnung im Musée du sel. Unsere erste Woche im Indischen Ozean schlossen wir mit einem Picknick am Strand „Grande Anse“ ab. Auffällig war v.a. die Gastfreundschaft der reunionesischen Familien. Jeder bot jedem etwas an und kümmerte sich um unsere kulinarische Versorgung. Durch die vielen kreolischen, chinesischen und indischen Einflüsse gibt es eine große Masse an regionalen Speisen und Gerichten, die wir alle zu probieren versuchten. Folglich vergingen zwei Wochen ohne großes Hungergefühl, da unsere Gastfamilien frei nach der Devise handelten: „Goni vide y tient pas debout“ - „Ein Mann mit leerem Bauch hat keine Kraft“.
 
Schmelztiegel der Religionen
Das Wochenende verbrachten wir in unseren Gastfamilien, die sich meist sehr engagiert um uns kümmerten, und mit Erfolg versuchten, soviel wie möglich von ihrer Insel und ihrer Kultur zu zeigen. Diese Vielfalt an Kulturen offenbarte sich uns auch beim Besuch von St. Denis, der Hauptstadt der Reunion, bei dem es um die verschiedenen Religionen ging. Unsere Führung begann in der Kathedrale, die nach unseren europäischen Größenvorstellungen von Kirchen klein und unscheinbar wirkte. Neu war für uns die Tatsache, dass die Glocken auf der gesamten Insel nicht im Turm, sondern neben dem Gebäude in Bodennähe aufgehangen waren. Unser Touristenführer erklärte uns, dass dies mit den Zyklonen zusammenhängt, die des Öfteren die Reunion passieren.
 
Wirklich Neues erfuhren wir in der Moschee. Nachdem uns der rituelle Waschvorgang erklärt wurde und wir dies teilweise auch ausprobiert hatten, betraten wir den Gebetsraum. Dieser war mit einem weichen, türkisfarbenen Teppich ausgelegt, der, wie man uns sagte, alle zwölf Jahre ausgetauscht wird. Wir hatten Glück, einen zwei Wochen alten Teppich zu betreten. Die Schuhe wieder angezogen, ging es zur chinesischen Pagode, in der uns das chinesische Brauchtum näher gebracht wurde. Dieses ist geprägt von Räucherstäbchen, die einerseits beim Betreten des Areals und andererseits im Gebäude angezündet werden. Im Inneren dominierte die Farbe Rot und eine Statue von Guan di, einem chinesischen General, der als Gott verehrt wird. Überrascht hat uns die Tatsache, dass die Chinesen, die in den Pagoden der Insel beten und ihre Tradition fortsetzen, meist Christen sind. Zum Abschluss der Führung betraten wir den Hindu-Tempel von St. Denis, der mit vielen Götterstatuen und Farben geschmückt war. Beim Durchqueren des Geländes ohne Schuhe fühlten wir uns etwas unwohl, da Tauben die Nischen zwischen den Statuen nutzten - der Boden sah dementsprechend aus. In das Allerheiligste des Tempels hatten wir keinen Zutritt. Dieser Tag in St. Denis zeigte uns, wie einfach es gehen kann, dass Gläubige aller Religionen friedlich zusammenleben: „La chance le chien, lé pa la chance le chat“ - „Jedem sein Glück.“ Betrachtet man die aktuellen Konflikte in der Welt, in der es darum geht, nur die eigene Glaubensrichtung durchzusetzen und anders Glaubende zu bekämpfen, müsste man ein Stück Reunion nehmen, kopieren und in diese Gebiete einfügen. Die Selbstverständlichkeit der religiösen Vielfalt und die Mannigfaltigkeit der Kulturen bereichern auf eine besondere Art die Insel und machen sie zu einem Schmelztiegel der Kulturen – sehr beeindruckend!
 
Über den Wolken
Als wir am Montag der zweiten Austauschwoche Le Tampon verließen, verschwanden nach ein paar Kilometern die Palmen, nach weiteren Kilometern die Bäume und Wiesen und nach einer Kuppe verschwand auch das Heidegeflecht und eine Mondlandschaft tat sich vor uns auf - in der Mitte emporragend: der Piton de la Fournaise. Der rund 2600 Meter hohe Vulkan zählt zu den aktivsten der Erde. Die von Weitem eben und glatt aussehende Straße erwies sich von Nahem als Schotterpiste, die sogar eine Deckenverkleidung  des Busses herunterfallen ließ. Unsere Wanderung startete schließlich auf einer Höhe von 2319 Metern, um dann eine steile Bergwand ins direkte Umfeld des Vulkans hinabzusteigen. Es folgte eine lange Ebene bis zum Fuße des Kegels. Dort nach einer kurzen Pause machten wir uns an den Aufstieg. Dieser erforderte nicht nur Ausdauer, sondern auch den richtigen Sonnenschutz, da sogar stärker pigmentierte Menschen auf dem Piton leicht einen Sonnenstich bekommen. So war es nicht unüblich, dass Wanderer mit langen Hosen, Pullovern und Hüten den Berg erklommen. Durch die leichte Brise ließ sich die Kleidung jedoch gut aushalten. Über glatte Lavaströme sowie über Lavabrocken ging es aufwärts bis zum Gipfel am Rande des Kraters. Auf einer Höhe von 2512 Metern hatten wir eine tolle Sicht über das Wolkenband, das sich über den Küstenstreifen legte, und das Meer dahinter. Der Wind blies schließlich einzelne Wolken in den Krater, sodass wir beim Abstieg noch mehr als sonst auf die weißen Markierungen auf den Steinen achten mussten, um nicht in Hohlräume einzubrechen. Zudem wiesen sie im Nebel den Wanderern den Weg, was uns beim Abstieg mehr als half. Für uns alle steht fest, dass dieser Tag und diese Wanderung das Highlight der Programmpunkte darstellte. Die Abwechslung auf der Reunion macht die Insel zu etwas Besonderem. Sowohl Strand und Meer, als auch Gebirge und Schluchten findet man auf dem Eiland, das für jeden Typ Urlauber genug zum Entdecken bietet.
 
Abschied mit Samoussas und Taschentüchern
Am vorletzten Tag fuhren wir in den Cirque de Salazie, dem zweiten und weitaus grüneren der drei Talkessel um den Piton des Neiges. Während unseres Abstieges ging es an Bambuspflanzen vorbei, die unaufhörlich beim Wachstumsprozess knackten. Das Programm endete schließlich mit einer Führung in einer Vanilleraie. Dort zeigte man uns, wie die Vanilleblüten einzeln per Hand bestäubt werden und wie aus den Schoten nach sechs Jahren köstliche Vanille wird. Abends beim Packen wanderten somit viele Vanilleprodukte in unsere Koffer. Am letzten Tag verabschiedeten wir uns nach einem Picknick von den Austauschschülern und deren Familien. Der Abschied wurde, wie zu erwarten, emotional und länger als es vorgesehen war. Schließlich saßen wir doch im Bus, ungewiss, ob sich nicht doch ein paar Reunionesen hinter den Sitzen versteckt hatten. Um letzte Souvenirs, meist tropische Früchte, zu kaufen, besuchten wir den Markt von St. Paul. Nach längerer Wartezeit flogen wir dann um 22 Uhr gen Heimat. Insgesamt 35 Stunden waren wir auf den Beinen, bis wir den Luxemburger Airport bibbernd vor Kälte verließen.
 
Abschließend möchten wir Frau Warner und Frau Engel auf der deutschen und Frau Riehm und Frau Piou auf der reunionesischen Seite herzlich danken, dass sie uns solch ein tolles Austauschangebot bieten.
Für uns alle waren die zwei Wochen Reunion eine unvergessliche Zeit, von der wir noch sehr lange zehren werden. Das Programm war reibungslos geplant und organisiert, die französischen Gastschüler sehr nett und gastfreundlich und wir deutschen Schüler verstanden uns richtig gut. Eine harmonische Reise um die halbe Welt hat nun ihr Ende gefunden und es ist ein schönes Gefühl, im kalten und tristen November braun gebrannt in die Schule zu gehen.
 
von Manuel Beh, MSS12
 
Erfahrungen in den Familien
Direkt nach unserer Landung wurden wir von den Familien bei einem Picknick empfangen. Sie hatten für alles vorgesorgt und es gab leckeres, häufig sogar kreolisches Essen und lokale Getränke. Meine Familie nahm mich  vor Ort in Empfang und tat alles für mein Wohlergehen nach fast 24 Stunden Reisezeit. Ich wurde sofort in den Familienalltag intergiert, d.h. für mich galten dieselben „Regeln“ wie für meinen Austauschüler und dessen Bruder. Am Abend bekam ich schon einmal einen tieferen Einblick in die dortige Kultur. Die Großeltern kamen zu Besuch und haben mir viel über die Insel und ihre Bewohner berichtet. Meine Gastfamilie richtete am Wochenende ein Jahrestreffen mit allen Verwandten, Freunden und Bekannten aus. Das war die beste Gelegenheit, die dort vorherrschende „Mischkultur“ kennen zu lernen, bei der auffällig ist, dass alle Menschen aufgeschlossen, hilfsbereit und freundlich sind. Meine Gasteltern haben ihre Freizeit geopfert, um mir die Insel zu zeigen und tolle Aktivitäten mit mir zu unternehmen, die nicht in unserem gemeinsamen Programm integriert waren (z.B. an den Strand gehen oder Erdbeeren ernten). Insgesamt habe ich mich sehr wohl bei meinen Gasteltern gefühlt und würde auch jeder Zeit gerne noch einmal zurückkehren auf diese Trauminsel…
 
von Miguel Heidemann, MSS11
 
Bevor am Montag das gemeinsame Programm mit allen Austauschschülern anfing, verbrachten wir die ersten zwei Tage in den Gastfamilien. Über 9000km weit weg von zu Hause und dann direkt ein Wochenende bei Leuten verbringen, die man gerade erst kennen gelernt hatte – natürlich war man da etwas aufgeregt. Aber bei mir verflog dieses Gefühl schnell, denn ich wurde in der Familie sehr nett aufgenommen. Gleich am ersten Nachmittag fuhren wir in die Plaine des Cafres zu verschiedenen Aussichtspunkten, sodass ich einen ersten Eindruck und etwas Übersicht über die Insel bekam.
Am Wochenende ging es nach St. Pierre auf einen großen Markt, auf dem es von Souvenirs und Kleidung über Gewürze und Früchte bis hin zu lebendigen Hühnern einfach alles gab. Außerdem fuhren wir an verschiedene Strände der Südwestküste der Insel, die das offizielle Programm nicht beinhaltete. Meine Familie zeigte mir nicht nur andere Ecken der Réunion, sondern ließ mich auch mitentscheiden, was wir machten. So war ich an einem Morgen mit meinem Gastvater zwei Stunden in einem Tal in der Nähe von Le Tampon wandern, weil meine Austauschpartnerin für die Schule lernen musste und mir die Aussicht, als wir am Vortag schon einmal dort waren, so gut gefallen hatte. Den restlichen Tag verbrachten wir aber wieder gemeinsam und fuhren zum Vulkanmuseum, passend zur Wanderung am nächsten Tag.
In meiner Familie fühlte ich mich längst nicht mehr nur wie ein Gast, da sie nicht bloß Ausflüge mit mir unternahm, sondern ich auch das gewöhnliche Alltagsleben miterlebte. Zusammen mit den Eltern erledigte ich anfallende Aufgaben wie einkaufen gehen oder das Auto in die Werkstatt bringen. Der Abschied fiel mir dementsprechend schwer, da ich mich in der Familie eingelebt hatte. Der Austausch hat sich auf jeden Fall gelohnt!
 

von Carolina Schmitt, MSS12