„Begabtenförderung am HGT“ - Deutsche Schülerakademie und Deutsche Juniorakademie.

Warum ich nicht zur Schule gegangen bin

Bei den deutschen Schülerakademien „handelt es sich um ein außerschulisches Programm zur Förderung besonders leistungsfähiger und motivierter Schülerinnen und Schüler“ (www.deutsche-schuelerakademie.de). Warum das keine Streber-Sommerschule ist, möchte ich erklären.

Nachdem ich bereits zwei Mal an einem Programm der Deutschen SchülerAkademien (DSA) teilgenommen habe, folgt hier ein Erfahrungsbericht:

Die Deutschen SchülerAkademien sind ein Programm von Bildung & Begabung, dem Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland; Schirmherr ist der Bundespräsident. Zum Programm gehören eben jene 16-tägigen Akademien, von denen mehrere im Jahr, für unterschiedliche Altersklassen, angeboten werden - so weit, so „uncool“.
 
Während der Akademie beschäftigen sich die etwa 60 bis 100 TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen natur-und geisteswissenschaftlichen Themen, die in der „normalen“ Schule so niemals behandelt werden würden. Ich habe mich (während meiner ersten Akademie) mit Einsteins Relativitätstheorie und (während meiner zweiten DSA) mit den Zusammenhängen von Globalisierung und Ungleichheit auseinandergesetzt. Auf dem Programm stehen aber auch Nanorobotik, Moderne Regieführung, Wachstumsmodellierung, Wissenschaftsphilosophie oder Toxikologie.
 
Zwischen Kurs und KüA
Die Arbeit in einem der gewählten Kurse macht ca. 50 Stunden der zweieinhalbwöchigen Akademie aus. Die übrige Zeit verbringt man mit den sogenannten KüA´s, den Kursübergreifenden Aktivitäten. KüA ist alles, was man in seiner Freizeit mit anderen Menschen machen möchte. Sei es Diskutieren, Chinesisch lernen, Tanzen, Programmieren, Sport treiben, gemeinsam Musizieren oder Backen. Jeder hat die Möglichkeit den Tag nach seinen Wünschen zu gestalten und lernt dabei immer neue Freunde kennen.
 
 
 
Freiheit ist das Stichwort der Akademie. Bis auf die allmorgendlichen Plena, während der unter anderem die stattfindenden KüA´s zusammengetragen werden, und die Phasen der kursinternen Arbeit kann und soll jeder tun und lassen, was er will.
„Was immer du vorhast, hier findet sich jemand, der deine Idee toll findet und mitmachen möchte.“ - Das ist etwas, das ich auf meiner ersten Akademie lernte und in diesen Sommerferien nochmal bestätigt sah. Nie zuvor habe ich solch motivierte Menschen getroffen, nie zuvor so schnell so vertraute Freunde gefunden. Es herrscht eine unglaublich kreative und positive Atmosphäre die Vertrauen in andere Menschen, aber auch in die eigenen Fähigkeiten schafft. Dass es ein perfektes Zusammenleben nicht geben kann, ist klar, aber die Akademie kommt für mein Verständnis schon sehr nah dran. Ich kann mir kaum einen Ort vorstellen, an dem Gesellschaft besser funktioniert.
 
Duellieren mit Noten?
An dieser Stelle gilt es dann auch, sich von der alten Assoziation „Lernen=Schule=doof“ zu verabschieden. Lernen auf der Akademie heißt, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das man wirklich will, denn schließlich hat man es ja gewählt. Das macht man zusammen mit Mädchen und Jungen, die dieses Thema im gleichen Interesse gewählt haben, unter Anleitung von Menschen, die sich nicht nur aufgrund der Anrede mit „Du“ gut mit den TeilnehmerInnen verstehen. Eine Kombination, die man in der Schule, so wie sie ist, schlicht nicht herstellen kann.
 
Lernen auf der Akademie heißt auch, Wissen zu erlangen, zu reproduzieren und kritisch zu hinterfragen, weil man es will und so wollte. Keine Abschlussprüfung wartet, niemand beurteilt dich nach deiner Leistung. Hinzu kommt eine große methodische Vielfalt, die den Lernprozess antreibt. Seien es Kurzpräsentationen, eine fachliche Dokumentation der Kursarbeit, Gruppendiskussionen oder die Kooperation mit anderen Kursen - Frontalunterricht, wie man ihn aus der Schule kennt, existiert nicht.
Lernen auf der Akademie ist Erlernen von neuen Fähigkeiten und Kennenlernen von neuen Menschen. Es ist ein Prozess, der auf Freiwilligkeit und Freiheit basiert, ein Prozess, der von allen TeilnehmerInnen immer wieder bejaht wird. Beim gemeinsamen Cha-Cha-Cha-Tanz, beim Akademiekonzert, beim Wandern und Volleyballspielen, bei Wasserschlachten und Quidditch.
 
 
 
Eine „Schule“, die dich nie ganz loslässt
Die Akademie hat mir gezeigt, dass Schule, also das gemeinsame Lehren und (Er)lernen von Wissen und Fähigkeiten, auch anders geht. In kürzester Zeit hat sich während der Akademie eine Gesellschaft gebildet, in der man einander vertraut, in der man streiten, lachen und einfach Spaß haben kann. Es ist eine spannende Zeit hochintensiven Miteinanders mit SchülerInnen, hauptsächlich aus Deutschland, aber auch aus der ganzen Welt. So habe ich Freunde in Luxemburg, Österreich, Frankreich, Kolumbien und Bolivien gefunden.
 
 
Umso schwerer fällt nach dieser Zeit der Abschied. Ein Abschied, bei dem selbst die „härtesten“ Jungen in Tränen ausbrechen und der sich bei 100 TeilnehmerInnen teils über Stunden hinzieht. Bis mich meine Fahrgemeinschaft am Koblenzer Hauptbahnhof verlässt, habe auch ich das Ende kaum realisiert. Mir laufen die Tränen über das Gesicht. Die ganze Zugfahrt lang. Von Koblenz nach Trier.
Die Akademie, und ich hatte das unfassbare Glück diese Erfahrung schon zweimal zu machen, ist eines der unglaublichsten und schönsten Ferienprogramme meines Lebens gewesen. Eine Zeit, die ich niemals vergessen kann. Allein schon deswegen nicht, weil die Ehemaligen regelmäßig Nachtreffen veranstalten, auf denen man für kurze Zeit nochmal zusammenkommen kann.
Ich danke daher Herrn Natus und Frau Sauerborn (Koordination Sekundarstufe I), dass sie mich auf das Programm der DSA aufmerksam gemacht und zweimal erfolgreich durch das Bewerbungsverfahren gebracht haben.
 
Deine Bewerbung, deine Chance
Eine Teilnahme ist nämlich nur über Vorschlag der Schule oder über den Weg des Eigenvorschlages möglich. Letzterer ist deutlich aufwendiger und eher selten (näheres auf der Website der DSA). Außerdem wissen die meisten SchülerInnen und LehrerInnen nichts von der DSA, obwohl die Schule jedes Jahr im Januar SchülerInnen aus der Sekundarstufe I und II für unterschiedliche Akademien vorschlagen darf.
 
Als ich in der 8. Klasse zum ersten Mal auf die Akademie angesprochen wurde, hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommt, geschweige denn, was „die“ Akademie ist. Glücklicherweise wurde ich ermutigt, mich zu bewerben, ich hätte andernfalls viel verpasst. Zunächst aber gilt zwischen SchülerAkademien und den sogenannten JuniorAkademien zu unterscheiden. Die Deutschen JuniorAkademien (DJA) verfolgen dasselbe Ziel und Konzept wie die DSA, nur in etwas kleinerem und regionalerem Rahmen. Während es bei einer DSA etwa 100 TeilnehmerInnen aus dem ganzen Bundesgebiet und teils auch aus dem Ausland gibt, hat eine DJA nur etwa 60 TeilnehmerInnen, schließlich handelt es sich hier auch um SchülerInnen der Sekundarstufe I. Zudem richtet sich das Programm der DJA nur immer an das jeweilige Bundesland. Meine DJA im Jahr 2013 fand beispielsweise in Meisenheim (RLP) statt, meine DSA 2017 in Grovesmühle (Sachsen-Anhalt). Die Orte und Angebote der Akademien können also variieren, unterscheiden sich aber nicht im grundsätzlichen Konzept.
 
Mein kurzer Bericht über die DSA bzw. DJA zielt auch darauf ab, dass Ihr das Programm bekannter macht. Wer sich in irgendeiner Weise angesprochen fühlt, sollte ermutigt werden, sich zu bewerben. Auch darf es nicht an einzelnen LehrerInnen hängen, ob eine Schülerin oder ein Schüler vorgeschlagen wird. Eigentlich sollten alle LehrerInnen von diesem Programm wissen und gemeinsam mit den entsprechenden SchülerInnen und Frau Sauerborn an einer Bewerbung arbeiten.
Zwar kann selten mehr als ein Bewerber pro Schule angenommen werden, die DSA sollte aber kein Projekt einzelner Eingeweihter sein. Aus eigener Erfahrung kann ich nur an alle Interessierten appellieren, sich mit Frau Sauerborn in Verbindung zu setzen und auch bei einer Absage nicht aufzugeben. Die Akademie ist eine unschätzbar wertvolle Erfahrung und es ist möglich sich mehr als einmal zu bewerben.
 
Da ich diese Schule in Kürze verlasse, kann ich mich nicht mehr für ein solches Programm bewerben (ich würde es sonst auf jeden Fall tun ;). Ich kann nur den SchülerInnen  Mut machen, auf Frau Sauerborn zuzugehen und eine Bewerbung anzuregen, sowie Frau Sauerborn und das gesamte Kollegium bitten, weiter nach Interessierten zu suchen und weiter Schülerinnen und Schüler zur Deutschen SchülerAkademie zu schicken.
 
Peter Schuh